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Press Archive 2001

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Fürther Nachrichten, 24.08.2001, MATTHIAS BOLL

 

Fremdkörper dringt in den Schlund

Teils weltberühmte “Künstler der Galerie” ZAK reflektieren Mythologie und Alltag – „Bottle-Top-Painting“

Kronkorkenartistik: „Save the Rhino“ von Margaret Majo (Zimbabwe). Foto: Hans-Joachim Winckler

Millimeterdick steht die Farbe von der Leinwand ab. Zachariah Mbutha trägt sie großzügig mit einem Palettenmesser auf, was seinen Bildern starke plastische Qualität verleiht. Im Malduktus ähnelt der expressive Farbauftrag der Kunst Vincent van Goghs, und in der Tat hatte der Kenianer sein Schlüsselerlebnis, als er in einer Bibliothek auf einen Bildband über den berühmten Niederländer stieß.

 

Mbuthas ausdrucksvolle Kunst ist Teil der aktuellen Ausstellung „Künstler der Galerie“ in John Hammonds Galerie ZAK (ZAK wie Zeitgenössische Afrikanische Kunst). „Eating corn“ heißt eine seiner Arbeiten in Öl auf Karton. Wieder sind da die Mbutha-typischen Gesichter mit den großen Augen und den aufgeworfenen Lippen. „Ganz charakteristisch für die afrikanische Kunst“, erläutert Hammond, „ist die Widerspiegelung alltäglicher Vorgänge. Die Künstler schildern schlicht ihren Tagesablauf. „Banal wirkt dies nur auf den ersten Blick. Der Mais essende Knabe – so weit, so unaufregend. Doch der Kolben dringt wie ein Fremdkörper knebelartig in den Schlund, furchtsam aufgerissen ist das Augenpaar; ein Ignorant, wer hier keine subtileren Botschaften, etwa politischer Art, wittert.

 

Autodidakten sind die sechs Maler, die den „Künstler“-Teil der Ausstellung – wir berichteten bereits über die Werkgruppe „Tinga Tingas Erben“ und die Steinskulpturen – bestreiten; doch in der Zeit, seitdem Hammond, seit sechs Jahren mit der ZAK in der Königstraße, ihre Arbeit verfolgt, weiss er nur Gutes zu berichten: „Leute wie Mbutha oder Twins Seven Seven sind weltberühmt geworden“ – „und richtig teuer“, fügt er nicht ohne Entdeckerstolz hinzu.

 

Twins Seven Seven, der erotomanische Nigerianer, dessen Solo-Schau in Vorjahr wegen ihrer prallen Lustfreundlichkeit in Fürth für beträchtliches Aufsehen sorgte, ist hier abermals vertreten. Bunt und ornamenthaft, erzählerisch verrätselt und detailbesessen ist diese verspielte Reflektion überbordender afrikanischer Mythology in Seven Sevens Kunst, deren Fabel-Echsen-Wesen auch nach minutenlanger Beobachtung ihre Geheimnisse nicht preisgeben mögen.

 

Malen in Afrika: Nicht selten heißt das, aus Nöten Tugenden zu machen und das Material auf der Straße zu suchen. Oder nebenan, wie Margaret Majo aus Zimbabwe, die in Windschatten einer Kronkorkenfabrik lebt. Auf Holz verklebt sie Kolonien von Flaschendeckeln und übermalt sie; „Bottle-Top-Painting“ heisst diese originelle Technik. Die witzige Note bringt George Lilanga ins Spiel. Den tansanischen Künstler kennen Fürther Galerie-Gänger von Hammonds „Aufbruch“-Ausstellung in der Euromed-Klinik: eines von Lilangas Werken war das Plakat der Werkschau. In der ZAK bleibt er seinem unbeschwert-kuriosen Stil treu. Hier tummeln sich im Farbgewitter scheinbar durch den Raum schwebende Glatzenmännchen und –weibchen; eine unübersehbar ironische Brechung des Afrika-Folklore-Klischees.

 

Aktiv ist Hammonds Art-Agency („Wir wollen verstärkt nach draußen gehen, denn es ist unergiebig, sich nur auf Fürth konzentrieren zu wollen“) zurzeit und demnächst in Linz und Amsterdam. Vorläufiger Höhepunkt wird eine Ausstellung in einer Kasseler Galerie sein, zeitgleich mit der kommenden Documenta in Juli 2002. Hammond: „Ich setze sehr viele Hoffnungen in Okwui Enwezor“, den nigerianischen Leiter des weltweit bedeutendsten Kunstspektakels. „Ich bin gespannt, wie viel Raum er der afrikanischen Kunst geben wird. Sie hat es verdient.“