room for humour

Press Archive 1998

Read article

Fürther Nachrichten, 3./4.10.1998, REGINA URBAN

 

Höllenqualen der Seele

Ausstellung von Manfred Hürlimann zeigt schonungslosen Blick in menschliche Abgründe

Manfred Hürlimann vor seinem Bild „Mein Klavier und ich (nach Werner Heider).“ Foto: Winckler

Der Komponist hockt wie ein Sprinter in Startposition vor seinem Klavier. Das Gesicht ist weggeschnitten, die abgehackte Hand fliegt davon. Unter der kurzen schwarzen Jacke schaut ein Stück Klaviatur wie ein Hemdzipfel hervor, der Unterkörper ist nackt, wie auch beim weiblichen Gegenstück, das seitlich über dem Klavier liegt und dessen Oberkörper zum Notenblatt mutiert ist. IM zweiten Bildteil blickt ein unten in die Ecke gedrückter Betrachter nachdenklich-distanziert auf das bizarre Szenario.

 

Man könnte Manfred Hürlimanns großformatiges Diptychon „Mein Klavier und ich“, eine Hommage an den Neutöner Werner Heider, als Sinnbild für die erotische Beziehung des Komponisten zu seiner Musik deuten. Aber es muß eine sehr schmerzhafte Beziehung sein, eine die Verlockung und Marter gleichermaßen beinhaltet, die zu Beschädigungen führt. Solche Beschädigungen weisen auch alle anderen Figuren in Hürlimanns aktuellen Bildern auf, die derzeit im Foyer des Stadttheaters ausgestellt sind.

 

Neben großen Acrylbildern zeigt der gebürtige Schweizer, der an der Nürnberger Akademie bei Günter Vogelsamer studierte und seit langen in der Frankenmetropole beheimatet ist, zahlreiche Zeichnungen. Vordergründig von explizit sexuellem Inhalt, sind es in Wahrheit karge Notizen menschlicher Deformationen und Zerstörungen, die Entsetzen hervorrufen, weil sie die Abgründe der menschlichen Seele vor Augen führen.

 

Der künstlerische Einzelgänger hat sich längst hinweggesetzt über kleingeistige Kritik an seinen provozierenden Werken, die andernorts schon mal zur Absage einer geplanten Ausstellung führte. Sein Thema, schon seit Jahren, sind die seelischen Wunden, die sich Menschen zufügen, und die er als äußere Verstümmelungen darstellt. Es sind Passionsbilder, „fleischgewordene Notfälle der Seele“, wie es ein Kritiker der Fürther Nachrichten einmal treffend formuliert hat.

 

Keine Figur in Hürlimanns meisterlichen, an Francis Bacon erinnernden Zeichnungen ist unbeschädigt. Abgerissene Körperteile, weggesprengte Gesichtshälften, von Dornensträngen durchbohrte Leiber lassen die in schamloser Drastik dargestellten Liebesakte zum Leidensakt werden. Die Qual des Wartens, die bis zur Erstarrung, zur Unbeweglichkeit führt, macht Hürlimann anschaulich spürbar, wenn er die Wartende mit spitzen Knochen an die Wand nagelt.

 

Die Verstümmelungen finden auf meist gänzlich weißer Bildfläche statt, dem Auge des Betrachters bleibt keine Fluchtmöglichkeit. Der Gegenpol, der das Bild im Gleichgewicht hält, ist oft ein schmaler seitlicher Bildrand, der formale Elemente noch einmal aufnimmt. Gerne unterteilt der Künstler seine Zeichnungen auch in zwei verschieden große Bildteile, wobei der kleinere das schauerliche Szenarium durch weitere Zutaten ergänzt oder eine Figur zeigt, die sich von dem qualvollen Treiben in die Isolation zurückgezogen hat.

 

Nur Zum Teil, wie bei dem Werk „Infusion“, sind die Zeichnungen zugleich Studien für Hürlimanns Acrylbilder, die stets von dichter greller Farbigkeit sind. Das markanteste, schockierendste Sinnbild für menschliches Leid hat der Künstler mit seiner Darstellung der „Heiligen Dorothea“ geschaffen. Das zusammenklappbare hohe Triptychon zeigt die Märtyrerin als ausgemergelte Gestalt vor goldenem Malgrund an einen Fleischerhaken gehängt. Der Körper ist von Werkzeugen, Rosen und Dornengeflechten durchbohrt. Eine Ikone, ein dem Tode geweihtes Stück Fleisch, das Hürlimann tatsächlich einmal im Rahmen eines Künstlerprojekts in einer Metzgerei aufgehängt hat. Eine blasphemisch anmutende Tat, die in solch bizarrem Umfeld aber umso mehr als Mahnmal für die gequälte Kreatur wirken mußte. Daß Hürlimann ein Mahner ist, der das Grauen der Welt aus eigenem Mitleiden seziert, darauf weist auch sein Gemälde von Paul Verlaine hin. Wie in tiefster Verzweiflung stützt der Dichter die Stirn auf die Kante des Tisches, auf dem mit bunten Flüssigkeiten gefüllte Gläser und Karaffen stehen. Von oben stürzt ein rotgepolsterter Kirchenstuhl in den tiefscharfen Hintergrund. Als sei dem Verfasser der schönsten religiösen Lyrik Frankreichs über die Giftigkeit der Welt der Glauben abhanden gekommen.