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Press Archive 1990

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Nürnberger Nachrichten, 1990, MICHAEL BECKER

 

Wunden der Seele

Neue Bilder von Manfred Hürlimann in der Fürther Galerie am Theater

Sezierter Mensch: Ausschnitt eines neuen Hürlimann-Bildes.

Fürth – In signifikanter Pose hockt Charles Baudelaire im Raum. Brillant werden – nebst der in die hohe Stirn fallenden Locke – Physiognomie und Gestus des Dichters widergespiegelt. Doch die Figur ist demoliert. Gesicht und Beine Baudelaires tragen blutige Wunden. Es sind aber, der Betrachter dieses Bildes ahnt es rasch, keine äußeren Verletzungen, die hier dargestellt werden, sondern fleischgewordene Notfälle der Seele. Auf die ist, wie sonst kaum ein anderer Maler in unserer Region, der Nürnberger Manfred Hürlimann spezialisiert. Und bei der Fixierung solcher Psycho-Verwundungen entwickelte der 1958 geborene Künstler – der vor seinem Nürnberger Akademiestudium bei Professor Vogelsamer eine Lehre als Kirchenmaler absolvierte -  in den letzten Jahren eine manchmal schon beängstigende Perfektion.

 

Der aktuelle Stand dieser immer raffinierter und eindringlicher komponierten Notizen aus dem Pandämonium menschlicher Zerrissenheiten und Scheußlichkeiten kann gegenwärtig in der Fürther Galerie am Theater besichtigt werden die zeigt, noch bis zum 1. August, neue Bilder und Zeichnungen des ebenso originellen wie originären fränkischen Kunst-Einzelgängers.

 

Vor nicht einmal einem Jahr hatte Hürlimann – wie damals mehrfach gemeldet – in Forchheim mit einer seiner Arbeiten eine ebenso peinliche wie vielsagende Provinz-Posse provoziert. Selbst-Zensur und Kunst-Kleingeist verhinderte eine Ausstellung, die zum Thema „Zeichen und Glauben“ in den Rathaushallen hätte stattfinden sollen und bei der, neben Arbeiten anderer fränkischer Künstler, auch Hürlimanns sensibel-eindringliches Madonnen-Diptychon annonciert gewesen war. Doch in Forchheim wollte man sich nicht auf das eigenwillige Passions-Vokabular dieses Malers einlassen. Unbeanstandet hingegen war das inkriminierte Werk anschließend in Egloffstein und in Nürnberg zu besichtigen. Und dass sich ein Hürlimann-Bild sogar in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung befindet, mag sich inzwischen vielleicht auch bis nach Forchheim herumgesprochen haben.

 

Nun also die kleine, aber höchst eindrucksvolle Fürther Ausstellung, die demonstriert, wie konsequent dieser Maler und virtuose Zeichner seinen unbequemen Weg geht. Wie stets handeln seine Bilder von menschlichen Verletzungen und Deformationen. Doch die immer wieder neuen Varianten des alten Themas erschöpfen sich nicht, wie man womöglich vermuten könnte, in ermüdenden Wiederholungen.

 

Bei seiner Geisterbahnfahrt durch die Horror-Abgründe der conditio humana entdeckt dieserKünstler ein ums andere mal weitere Facetten des Schreckens. Daß er sich aber nicht daran delektiert, daß er Chronist des Leidens und kein geschmäcklerischer Voyeur ist, dies belegt die große Ernsthaftigkeit, mit der Hürlimann selbst die grauenvollsten Sujets umsetzt. Gleich einem Chirurgen seziert Hürlimann mit Pinsel, Stift und manchmal auch Perfidie, den innerlich verletzten Menschen. Das hat nicht selten Schock-Wirkungen – aber vielleicht sind diese ja heilsam!