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Press Archive 1980

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Fürther Nachrichten, 14.10.1980, BERND NOACK

 

Dicke blicken uns an

Renate Höllerer stellt in ihrer „Galerie am Theater” eigene Werke aus

Zwei Damen mampfen genüßlich und tun so, als ob noch etwas in sie hineinginge. Foto: Kögler

Udo Jürgens schnulzte los und machte die Damen, „die Dicken der Gesellschaft“ nieder, aber bitte mit Sahne. Ein verkniffenes Lächeln, ein überhebliches Grinsen, etwas Mitleid: bis zum Himmelstor geleitet der bundesdeutsche ton-angebende Sozialkritiker der leichten Muse seine übergewichtigen Freundinnen.

 

Ein anderes Beispiel – ein viel ernsteres: Feministinnen, Frauenrechtlerinnen und sonstige Emanzen haben – ganz im Gegenteil zu ihrem Feind Udo Jürgens – sehr vehement etwas gegen ihre fettleibigen Geschlechtsgenossinnen. Das mußte jüngst die Galeristin und Malerin Renate Höllerer, wenn nicht am eigenen Leib, so doch an ihren eigenen Bildern erfahren.

 

Die Höllerer malt dicke – mit Verlaub – Weiber. Nicht so zart und lächerlich wie unser Sangesfreund, sondern brutal, ungeschminkt, übertrieben, mit einem Wort: unappetitlich fett. Dies nahmen ihr die couragierten „Emmas“ übel, bedrohten einen griechischen Wirt, der es wagte, zwei der Höllerer-Bilder in sein Lokal zu hängen, bezichtigten ihn der Frauenfeindlichkeit.

 

Nun kann man sich in Fürth ein Bild von den Bildern der Renate Höllerer machen und selber urteilen, ob sich diese Frauenrechtlerinnen nicht verdächtig nah an der provinziellen Urteilsfähigkeit einiger Moralapostel bewegen. Zum einjährigen bestehen ihrer „Galerie am Theater“ stellt die Galeristin in eigenen Räumen Bilder und Zeichnungen aus.

 

Renate Höllerers Bilder sind nun wirklich nicht „schön“, das können und wollen sie auch gar nicht, das verbietet ihnen ihr Motiv. Ein nackter Fettberg vor einem Spiegel, eine imaginäre, nicht vorhandene Schönheit richtend, daneben schnarcht ein Hündchen mit Schleife im Haar; zwei überdimensionale Fleischbrocken, mit nichts anderem bekleidet, als mit klaffenden Maschenstrümpfen, sitzen an einem Kaffeehaustisch – am unteren Bildrand steht, wie zum Hohn, das Backrezept für eine Schwarzwälder Kirschtorte geschrieben; Torten sind überhaupt wesentlicher Bestandteil in den Radierungen, ebenso wie die schwach angedeuteten Fleischwülste, die anscheinend ineinander übergehen.

 

Diese Bilder gelten nicht der Belustigung (auch nicht die, auf denen Männerkopf und Schweinskopf austauschbar sind), vielmehr spricht aus ihnen eine klare und unmissverständliche Anklage gegen die Wohlstands-, Überfluß und Überdrußgesellschaft, sind ein erhobener, ungemein dicker und fetter, mahnender Zeigefinger.

 

Gerade von der Übertreibung, von der Steigerung ins surreale (das zeigen auch die Horror-Insektenmotive, minutiös ausgearbeitet und beängstigend) lebt die Kunst der Renate Höllerer. Das sich da oft jemand auf den Schlips getreten fühlt – selbst die, die gar nicht direkt gemeint sind – ist klar und eigentlich gar nicht mehr verwunderlich.