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Press Archive 1982

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Fürther Nachrichten, 1982, HANS PETER REITZNER

 

Dicke und die Folgen

Kein Blick zurück: Neue Satiren von Renate Höllerer in der Galerie am Theater

„Ball“: Die Galeristin vor einer ihrer jüngsten Federzeichnungen. Foto: Meyer

Renate Höllerer läßt die Dicken nicht in Ruhe. Ob als wohlbeleibtes Paar – er mit Anzug und Fliege, sie nackt -, das vor einer dreistöckigen Torte sitzt („Hochzeit“), ob als fetter Wohlstandsbauch mit ebenso aus allen Nähten platzender Katze („Blutwurscht“), ob als maskenverkleidete, vollbusige Vergnügungssüchtige („Ball“) mit spitzer Feder zieht die 1954 im Oberpfälzer Auerbach geborene Galeriebesitzerin die Auswüchse des „Kaffeeklatsch-Syndroms“ ins Lächerliche.

 

Daß sie darin nicht von überall Beifall bekommt, daß ist klar. Freilich mutet es schon etwas seltsam an, wenn eine Schar von Nürnberger Frauenrechtlerinnen eine Bilderfolge in einem Noris-Lokal als Anlaß zum Boykott nahm und gar Feministen-Feindlichkeit witterte. Renate Höllerer hat in ihrer Oktoberausstellung in der eigenen Galerie am Theater ein Bild zu diesem Zwist geliefert: „Emanzipation Total“ zeigt einen Frauenkopf hinter Gittern, den Mund von einem Reißverschluss geschlossen (den man zum protestieren jederzeit öffnen kann?).

 

Milchladen

Aber die Fettleibigen und ihre Folgen machen nur einen Ausschnitt aus dem Spektrum der Zusammenstellung von durchwegs neuen Werken aus, die in der Königstraße zu sehen sind. Neben der alljährlichen Präsentation eigener Bildern setzt die Ausstellung auch den Punkt hinter drei Jahre Galeristentätigkeit in Fürth. Nachdem Renate Höllerer 1977 das Designer-Diplom an der Nürnberger FH Gestaltung erworben und 1978 das Studium der freien Grafik and der Akademie der bildenden Künste in der Nachbarstadt begonnen hatte, eröffnete sie nämlich ein Jahr später zusammen mit John Hammond in einem ehemaligen Milchladen die Galerie für englische Antiquitäten und Kunst.

 

Ein Blick zurück wurde die Oktoberausstellung dennoch nicht. Auch wenn weiterhin das Fett der Dicken trieft…(Wozu eigentlich die Aufregung? Im Reich der Mitte gilt die Wohlbeleibtheit noch heute als Schönheitsmerkmal.)

 

Auch in ihren Radierungen (Ätzgrund und Kaltnadel) spießt Renate Höllerer genüsslich auf, was ihr im Alltag der bundesrepublikanischen 80er Jahre missfällt. Zwei schwabblig-hängebäuchige Polizisten mit großen Revolvern. Südamerika-Touch und in die Augen gezogenen Schirmmützen beispielsweise, zwischen deren Füßen eine Taube Gefahr läuft, zertreten zu werden. Oder die Kakteenfreundin die ihre stacheligen Hausgenossen am Fensterbrett mit Inbrunst gießt (weiß sie, wo die Blumen geblieben sind?). Und die mit scharfschneidigen Beilen bewaffneten durch Mund-Nasen-Schützer vermummten Chirurgen, denen eine wehrlose Statue gegenübersteht. Titelvorschlag: Zur Humanisierung der Medizin. Schließlich das Kind das mit seinem Ball vor einem Kellerloch im Hinterhof steht, neben sich ein ausrangiertes Wasserklosett und eine zerbrochene Fensterscheibe. Der Titel des Bildes spricht für sich: „Spielplatz“.

 

Jimmy und der Palmwedel

Drei Porträts runden das Kaleidoskop satirischer Zeichnungen ab: Der große Vermarktungs-Elvis mit Gitarre statt Kopf, Marilyn Monroe als halb aufgeschlagenes, zerknittertes Buch, und Jimmy Carter (im Schaukelstuhl mit Flügeln, Palmwedel und Heiligenschein) unter einem drohenden Regenbogen („Jimmy unterm Regenbogen“).

 

Es sind nicht nur die Dicken, die Renate Höllerer stören. Aber sie symbolisieren vieles, was sich nicht im rechten Lot befindet.